Die Schnitzeljagd, von der ich hier spreche ist kein Spiel, sondern kulinarisch zu verstehen. Am letzten Wochenende erfüllten wir dem zweiten Chef einen sehnlichen Wunsch und nahmen ihn mit ins Burgenland, in die Heimat des Haberers, die er schon so lange kennenlernen wollte. Früh um halb zwei in der Nacht machten wir uns auf den Weg, der Grimmige fuhr und der zweite Chef und ich sanken bald in festen Schlaf, denn als Beifahrer konzentriert man sich zu dieser Nachtzeit noch nicht genügend, um wach zu bleiben. Ich wachte in Linz auf, was ein Rekord ist und das nahmen wir zum Anlass, eine kleine Rast zu machen um Kaffee zu trinken. Sogleich konnte der zweite Chef in die österreichische Lebensart eintauchen, denn er musste sich ja was zum Frühstück aussuchen. Ich achtete nicht so sehr auf die beiden Männer und traf erst wieder an der Kasse auf sie. Auf meinem Tablett befanden sich ein Schälchen mit Ananas und Erdbeeren, ein Roggenkipferl und eine Mohnschnecke, der Grimmige hatte sich für Kaffee, Brötchen, Butter und Marmelade entschieden, aber zu meinem großen Erstaunen lag auf dem Tablett des zweiten Chefs nur ein einsames kleines Brötchen und sonst nichts. Das war auf jeden Fall zu wenig und ich hub schon an, ihn zurechtzuweisen und ihm Speisen aufzuzwingen, die er vielleicht gar nicht haben wollte, als ein weiß gekleideter Koch mit Haube auf uns zukam, in der Hand zwei große Teller. Auf jedem Teller befand sich ein großes dickes Rührei mit Speck und Zwiebeln und obendrauf waren Bratkartoffeln verteilt. Mir blieben all meine Ermahnungen im Halse stecken, dieses Frühstück schien ohne Zweifel nahrhaft zu werden, besonders für den zweiten Chef. Der putzte sein “Bauernfrühstück” ohne Mühe weg, aß dazu sein einsames Brötchen und schabte dann noch den Rühreirest vom Teller des Grimmigen. Das alles schaffte er in der Zeit, in der ich mich mit Obst und Mohnschnecke stärkte, und zwar spielend. Nach dem Frühstück teilte er uns strahlend mit, das sei ein super Frühstück gewesen, Österreich gefiel ihm. Doch das Frühstück war nicht das Ziel seiner Sehnsucht, sondern die Schnitzel von denen wir ihm berichtet hatten und deren Genuss noch vor ihm lag. Um zehn Uhr erreichten wir unser Ziel am Neusiedler See, fuhren zum Seezugang und fanden dort sogleich den Haberer in der Ausübung seiner momentanen Arbeit, dem Heben von Booten in den See mittels eines Krans. Obwohl diese Arbeit nicht viel Kraft verlangt, war der zweite Chef gleich beeindruckt, denn das Instrument, eine kleine Schalttafel mit Knöpfen, die man zur jeweiligen Auf- und Abwärtsbewegung drückt, entsprach genau seiner Vorstellung von einer gemütlichen Arbeit. Am liebsten wäre er den ganzen Tag dort stehen geblieben, in der Hoffnung, diese Manövriertafel einmal in der Hand halten zu dürfen, aber wir bugsierten ihn wieder ins Auto, wohl wissend, dass der Haberer derartigen Wünschen nicht gewogen war. Die nächste Attraktion wartete schon, nämlich das Outlet gleich nebenan. Dort gibt es einen Adidasladen, die bevorzugte Marke des zweiten Chefs, der, wie wir wussten, schon eine Weile nach neuen Schuhen sucht, am liebsten von Adidas. Leider war er von dem Angebot dort bitter enttäuscht, wenig Schuhe und gar nichts Cooles, deshalb war er bereit auch andere Läden zu betreten, wo er wirklich ein Paar Schuhe fand, die seine Augen strahlen ließen und seine Stimmung erheblich hoben. Außerdem konnten wir ihn überzeugen, dass Badeshorts von Burton das Richtige seien, um am Nachmittag in die trüben Fluten des Sees zu springen, wir verließen sehr zufrieden das Outlet und wollten nun endlich einen Ort aufsuchen, wo es Schnitzel gibt, denn Schnitzel, die wollte der zweite Chef. Es zeigte sich aber, dass die Zeit nicht klug gewählt war, denn um drei Uhr hatten wir einen Termin und so war sein Bauch um fünf Uhr, als wir endlich wieder am See anlangten, immer noch schnitzelfrei. Mittlerweile war der Wind sehr heftig, wenn nicht stürmisch, geworden und die Kiter rasten in Massen auf dem See herum, spritzten den Steg, auf dem wir standen, klitschnass und waren im übrigen nicht zu identifizieren, sodass wir den Haberer zwar vermuten, nicht aber fest zuordnen konnten. Nach fünfundvierzig Minuten angestrengten Starrens auf die aufgewühlte Wasserfläche brummte das Handy des Grimmigen und der Haberer fragte etwas verstimmt, wo wir seien, er warte zu Hause auf uns. Kein Wunder, dass wir ihn nicht erkannt hatten, er war gar nicht da. Trotzdem er am Abend auszugehen gedachte, schenkte er uns großzügig die Zeit, die es braucht, um zu Abend zu essen und der zweite Chef schöpfte Hoffnung, denn er sah sein erstes, echt österreichisches, Schnitzel nahen. Wie enttäuscht war er , als er erkennen musste, dass es in dem Heurigen, den der Haberer aufsuchte, kein Schnitzel gab, ja, eigentlich gar nichts Warmes. Sofort verlor er allen Mut und Appetit und behauptete, er habe keinen Hunger und das schmecke ihm außerdem alles nicht. Ich musste meine ganze Überredungskunst aufwenden, um ihn daran zu erinnern, dass er Liptauer gern mag, oder überbackenes Winzerbrot mit Schinken und Käse. Er entschied sich für das Liptauerbrot, aber sein Gesicht bleib düster. Auch mein und des Grimmigen Gesicht verdüsterte sich, denn der Haberer war unangemessen mit seinem Handy beschäftigt und in Sorge, dass er nicht rechtzeitig zu der Abendbelustigung auf der anderen Seite des Sees gelangen könne. Das fanden wir reichlich übertrieben, denn es war erst acht Uhr abends und wir hätten ihn, nach dem Essen, gern an sein Ziel gebracht. So aber schlang er schweigsam und abwesend seine “Winzerplotn” in sich hinein, löste seinen Blick nicht vom Smartphone und verließ uns dann hastig, nicht ohne zu erwähnen, dass er noch Geld abheben müsse und seine Karte aber zerbrochen sei. Der Grimmige gab ihm also eine finanzielle Spritze und weg war er, nicht ohne zu bemerken, dass er vorhätte richtig fett durchzumachen und keinesfalls vor dem späten Sonntagmittag zu erreichen sei. Peng! Das hatte gesessen. Gottseidank rettete der zweite Chef die Stimmung, indem er nach dem überstürzten Abschied auf der Straße missmutig sagte, er sei überhaupt nicht satt und habe noch soooo einen Hunger. Ich schickte den Grimmigen mit ihm in die nächste Wirtschaft, um Schnitzel, Pommes und Salat zu holen und eilte selbst in die Wohnung des Haberers, um den Tisch zu decken und für die Hauptspeise bereit zu machen. Kaum brannten die Kerzen und war ein wenig Staub gewischt, da kamen meine Beiden schon mit duftenden und heißen Paketen und endlich, endlich war die Schnitzeljagd beendet und die Beute lag auf dem Teller. Der zweite Chef hörte gar nicht mehr auf, begeistert zu beteuern, das seien die allerbesten Schnitzel, die er jemals gegessen habe, der Grimmige lächelte und ich trank meinen burgenländischen, köstlichen Rotwein, die Harmonie war wieder hergestellt und der Abend endete friedlich. Danach sanken wir dann nur noch ins Bett und aufs Sofa und fielen auf der Stelle in tiefen Schlaf. So eine Schnitzeljagd ist doch anstrengend.
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